Igikai oder der Fön im Blumenbeet

07.08.2019

Schlaflos blätterte ich auf dem vage beleuchteten iPhone durch hunderte von Reisefotos und schielte mit einem Auge auf die Uhrzeit oben links - 4.33h. Diesmal ist es mit der Zeitumstellung wirklich mühsam.

Aber plötzlich bin ich wach. Da ist dieses Foto, das ich in Kyoto im Spa unseres Hotels gemacht hatte - einem zauberhafte Anwesen in einem über 800 Jahre alten Japanischen Garten mit historischem Teehaus.

In der Schublade neben dem Fön und anderen Schönheitsutensilien lagen, gebettet auf weichem Moos, kleine weiße Blüten. Nicht etwa aus Plastik, wie ich mich schnell vergewisserte - frisch - das Moss weich, die Blüten duftend.

Dieses Foto war - so schien es mir - symptomatisch für die japanische Detailliebe und die absolute Hinwendung zum gegenwärtigen Moment, die nie dessen Flüchtigkeit zum Anlass zu nehmen würde, Dinge lieblos zu machen.

Im Gegenteil - jedes Stück Sushi ist ein Kunstwerk, bevor es für immer im Mund des Essenden verschwindet. Mit Hingabe und Eleganz werden am Schrein Wege gefegt (die morgen wieder von Blättern zugedeckt sind), Badezimmer Assessoires arrangiert, Papierservietten gefaltet, Take Away Kaffeebecher verziert. Stolz und Anspruch spiegeln sich in der kleinsten Tätigkeit. Der Schaffner verbeugt sich vor den Reisenden, wenn er das Abteil betritt, die Dame mit dem Servierwagen dreht sich noch einmal um und lächelt, wenn Sie in das nächste Abteil eilt und aus dem Kassenhäuschen des Kinderkarussells wird die gesamte Fahrt den Kindern zugewinkt - bis das Karussell anhält.

Igikai nennt sich die japanische Lebenskunst oder -Philosophie. Vielen gilt sie als der Hauptgrund für die statistisch signifikante Langlebigkeit der Japaner, sowie für Ihre Exzellenz in vielen Bereichen. Und neben der Liebe zu kleinen alltäglichen Dingen (Kodawari) und der Fähigkeit zu stetigen graduellen Verbesserungen (Kaizen), basiert Igikai auf Demut, der Fähigkeit klein anzufangen und auf dem Loslassen von jeglichem Geltungsdrang oder Belohntwerdenmüssens und dafür eher darauf, gute Dinge im Verborgenen tun (Intoku). Die eigene Anstrengung und das Schaffen an sich, ist Belohnung genug. Weitere Elemente der Igikai sind das Leben in Harmonie und Nachhaltigkeit mit der Umwelt (bspw. auch mit Hilfe von Feng Shui) sowie das Leben im Hier und Jetzt, das auch eine natürliche Neugier und Flexibilität bei der Integration neuer Erfahrungen beinhaltet, ebenso wie die totale Hinwendung zum gegenwärtigen Tun und Sein.

Viele dieser Elemente finden wir in der aktuellen Resilienz-Forschung und neueren Coaching Konzepten wieder, die sich damit befassen, wie wir unsere Widerstandsfähigkeit und Flexibilität stärken können, um mit den Anforderungen der dynamischen Welt um uns herum Schritt zu halten und auch nach Rückschlägen oder in herausfordernden Situationen stabil und lebensfroh zu sein.

In der Tat ist Japan ein Volk der „Wiederaufstehmännchen“ - bewegt denke ich an den Besuch des Hiroshima Peace Memorials und den beeindruckenden Willen zum Wiederaufbau und Weiterleben, der sich nach allem Schrecken und Gräuel wie neue grüne Pflanzentriebe auf verbrannter Erde zeigte.

Was mich am meisten beeindruckt hätte an unserem Trip durch Japan, fragt mich anderntags eine Klientin. „Das Nebeneinander und Miteinander von Tradition und Innovationsfreude" - sage ich. Und die wunderbare Neugier und Leichtigkeit, mit der nützliche neue Elemente in altbewährte Systeme integriert werden - in der Religion, im Business, im Alltäglichen. Die Lyrikerin Hilde Domin hat dazu den wunderbaren Vers gedichtet „Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum, als blieben die Wurzeln im Boden“.

In einer Zeit, in der Viele sich nach einfachen Wahrheiten, starken Parolen und diskretionären Schubladen sehnen hat Japan vielleicht ein Rezept gefunden, die vermeintlichen Gegensätze aufzulösen und das Beste aus allen Welten zu integrieren. Auf eine unaufgeregte, zurückgenommene, aber sehr beharrliche und berührende Art und Weise. Ein wertvolles Souvenir.

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