Wenn der Körper eine andere Sprache spricht

04.09.2017

Zum gestrigen Kanzlerduell von Frau Merkel und Herr Schulz

Die Vielschichtigkeit des menschlichen Außenauftrittes ist eine komplexe Angelegenheit. Begibt man sich auf die ganz große Bühne der Politik unter die scharfen Augen von Millionen Beobachtern sind nicht nur die Inhalte ein Baustein des Erfolges – das musste auch Martin Schulz gestern leidvoll erfahren. Die Vielzahl von Instrumenten, die Mimik, Gestik und Stimme zur Verfügung stellen, um auf der Bühne überzeugend zu punkten – sie sind, wie gestern wieder einmal deutlich wurde, häufig unterschätzt – und dabei doch absolut kriegsentscheidend. Gestern war der auffälligste Aspekt die unterschiedliche körperliche „Standfestigkeit“ der Kandidaten.

Wie ein kleiner aufgeregter Student, der das erste Mal bei den großen Entscheidern dabei sein darf, wackelte Martin Schulz hinter seinem Pult hin und her. Im Sekundentakt verlagerte er Standbein und Spielbein. Sein Oberkörper, der dem Zuschauer im Bildausschnitt im Verhältnis zu dem von Frau Merkel gezeigt wurde, schwankte wie ein Schiff auf hoher See hin und her. Und dabei schwankte Herr Schulz inhaltlich gar nicht, sondern bot immer wieder gut formulierte, auf den Punkt gebrachte Argumente.

Angela Merkel wiederum stand wie ein Baum – festverwurzelt, ruhig und klar hinter ihrem Pult. Und strahlte Souveränität und Überlegenheit aus. Herr Schulz dagegen hielt sein Pult fest - wie eine Reling bei Sturm. Seine ganze Körpersprache war unruhig, unsicher und zappelig. Schade, welch’ Gewicht und Glaubwürdigkeit hätte er seinen Sätzen verliehen, wenn er ein paar Grundregeln der Körpersprache eingehalten hätte. Er hätte seiner Herausforderin in manchen Aspekten sogar eine Nasenlänge voraus sein können – beispielsweise bezüglich Authentizität und Lebendigkeit. Wir als Zuschauer aber misstrauen einem Menschen, der nicht mit beiden Beinen auf der Erde steht und schenken seinen Worten, auch wenn sie inhaltlich und didaktisch überzeugend sind, wenig Glauben.

In der Analyse der Körpersprache sagt man, dass die Teile des Körpers, die am weitesten entfernt von unserem Kopf sind am ehrlichsten widerspiegeln, wie es uns tatsächlich geht.

Immer wieder wandte sich Schulz’ ganzer Körper fast schon unterwürfig Richtung Kanzlerin, die wiederum sich kaum bewegte und eigentlich nur einmal eine klare und sehr starke, weil nur ein einziges Mal eingesetzte Geste, ihm gegenüber verwendet. Mit ihrer linken flach ausgestreckten Hand gebot sie ihm Einhalt und brachte ihn so zum Schweigen, um ihren Satz fertig zu formulieren. Dabei drehte sie kaum den Kopf zu ihm und machte so deutlich, wie wenig sie ihn als Dialogpartner ernst nahm.

Er hingegen drehte und wendete sich eifrig tänzelnd von rechts nach links. Da half es auch nicht, dass er versicherte, er habe sich im Vorfeld vorbereitet. Im Gegenteil - das wirkte hier - wie in jeder Präsentation - eher kontraproduktiv. Und es half leider auch nicht, dass er in seinen Antworten besonnen und rhetorisch klug war.

Frau Merkel war ihm schon allein deswegen überlegen, weil sie die Regel Nummer eins des gelungenen starken Außenauftritts beherzigt: Mit beiden Füßen fest verankert im Boden, wirkte sie zu keinem Zeitpunkt angestrengt oder überfordert. Dem schwankenden Herrn Schulz aber, konnte keiner Standhaftigkeit und Kompetenz zusprechen.

Ohne die Berücksichtigung des „Transportweges“ unserer Inhalte ist also häufig alles nichts – bzw. um mit Frau Merkel zu sprechen – die Beherrschung der Körpersprache ist alternativlos sobald man die Bühne betritt.

Von Julia N. Weiss und Eva-Christine Bode

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